Wegemuseum Wusterhausen

Wege nach „Schusterhausen“

Das Wegemuseum dokumentiert die Stadtgeschichte Wusterhausens. Es erläutert aber auch die Bedeutung der Wege auf dem Wasser und auf dem Land für die Entwicklung der Dosse-Region. Im 19. Jahrhundert trug die Stadt den Spitznamen „Schusterhausen“ – wegen der vielen Schuhmacherwerkstatten, die Arbeitsschuhe für den Berliner Markt produzierten. Mit den neuen Herstellungsmethoden aber konnten die Schuster nicht Schritt halten, Investitionen in echte Fabriken blieben aus.

Wusterhausen profitierte von den Kreuzungen zwischen Land- und Wasserwegen. Dank der Lage an dem Havel-Nebenfluss Dosse, der Poststraße Berlin–Hamburg und der später zwischen den Metropolen erbauten Chaussee hat die 1232 erstmals erwähnte Stadt mit heute etwa 2.700 Einwohnern stets Kontakt in die „weite Welt“ gehabt. Der Wandel der Wege in Verbindung mit der Regionalgeschichte ist Thema des 2011 eröffneten Wegemuseums, das seinen Sitz in einem barocken Bürgerhaus direkt am Markt hat. Der stattliche Fachwerkbau von 1767 diente als Geschäftshaus; der letzte Betreiber eines dort privat geführten Gemischtwarenladens hieß August Herbst.

Schifffahrt auf der Dosse gab es schon seit der Slawenzeit, einen Postverkehr seit dem 17. Jahrhundert. Seit 1830 führt die Chaussee von Berlin nach Hamburg durch Wusterhausen, später Fernstraße 5 (F5) und heute Bundesstraße 5 genannt. Dies zog auch viele Sommerfrischler in die gewässerreiche Gegend. Die „Interzonenstrecke“ F5 war bis zum Autobahnbau 1982 die einzige Transitstrecke durch die DDR, welche nur über Landstraßen führte. Sie durfte deshalb auch mit Fahrrädern und Mopeds befahren werden. Fluchtversuche, Kontrollen und das Leben mit der F5 sind eines der Themen im Wegemuseum.

Eine echte Entwicklung von Industriebetrieben blieb in Wusterhausen aus. Das Umfeld war zu ländlich und die Stadt zu sehr von großen Verkehrswegen abgeschnitten, nachdem die 1846 eröffnete Berlin-Hamburger Bahn über Neustadt verlief und die Chaussee (heute Bundesstraße 167) von Neuruppin in Bückwitz an die Berlin-Hamburger Chaussee angeschlossen wurde. Die Wusterhausener Schuhmacher versuchten es trotzdem – sie produzierten für den Berliner Markt Arbeitsschuhe aus Halbfabrikaten. Zwischen den Jahren 1850 und 1880 sollen es 98 Betriebe gewesen sein – bei etwa 3.000 in zirka 330 Häusern lebenden Einwohnern. Einige beschäftigten sogar bis zu fünf Gesellen. Stolz nannten sie ihre großen Werkstätten „Schuhfabriken“. Die Schuster profitierten zwar von dem großen Schuhbedarf in den Industriezentren, kamen aber andererseits mit ihrer handwerklichen Produktion letztendlich nicht gegen die Fabriken an.

Um 1800 hatte es in Wusterhausen 55 Schuster und drei Loh- und Weißgerbereien gegeben, in denen das Leder hergestellt wurde. Die Schuhmachergilde betrieb sogar eine eigene Lohmühle an der Schusterdosse, ein Flussarm der Dosse am Kampehler Tor. Doch mit den modernen Verkehrswegen veränderten sich die Strukturen: Die Schuster ließen sich Leder und andere Materialien von außerhalb liefern statt es selbst zu erzeugen. Umgekehrt verkauften sie ihre Produkte immer mehr außerhalb der Region. Denn ab 1846 konnte man von Neustadt (Dosse) mit der Bahn nach Berlin fahren, ab 1887 auch von Wusterhausen aus. Die Stiefel wurden in Säcken mit dem Fuhrwerk oder per pedes zum Bahnhof transportiert.

Es gab „bestellte Schuhmacher“, die Schuhe jeder Art nach Maß für die örtliche Bevölkerung oder auch das Militär in Rathenow anfertigten und Marktschuster, die ihre Ware – zum Teil mit aus Berlin angelieferten Leisten – nach gewissen Normen herstellten: vor allem robuste Arbeitsschuhe und -stiefel. Für die Wusterhausener Schuhmacher war Berlin der wichtigste Absatzmarkt. Ab 1877 gab es dort die genossenschaftlich organisierte Schuhmacher-Börse, zuerst in der Brauerei Friedrichshain und ab 1907 in Dräsels Festsälen. Bis zu 800 Teilnehmer aus ganz Deutschland handelten dort mit ihren Erzeugnissen und Rohmaterialien.

Doch die Konkurrenz durch andere Schuhmacher insbesondere aus der Mark Brandenburg war groß. Die preiswerteren Lebensverhältnisse auf dem Land führten zwar zu geringen Herstellungskosten, doch war das Angebot ebenfalls riesig, was zu einem ruinösen Preisverfall führte. Deshalb lebten viele Schuster nicht nur in Wusterhausen in prekären Verhältnissen in Kleinsthäusern oder Mietwohnungen, die gleichzeitig Werkstatt waren. Allerdings gab es auch Werkstätten mit einer gewissen Tradition, die in eigenen Häusern ansässig waren.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts vereinfachten Maschinen und neue Methoden wie der Einsatz von Klebstoffen die Schuhherstellung. Allmählich entstanden nun große Schuhfabriken, die maschinell produzierten und fortan den Markt bestimmten, weil die Schuhe billiger herzustellen und genauso gut zu tragen waren wie die handgefertigten Exemplare des örtlichen Schuhmachers. Immer mehr Schumacher reparierten nun nur noch Schuhe. Es fehlte nun vielfach auch das Kapital für Investitionen, weshalb die Betriebe einfach geschlossen wurden. Im Adressbuch von 1927 sind nur noch neunzehn Schuhmacher und fünf Pantinenmacher in Wusterhausen verzeichnet. Zwei Jahrzehnte später hatten fast alle aufgegeben. Sven Bardua

www.wegemuseum.de