Gaswerk Neustadt Dosse, Havelberger Straße 25

Typisch für Europa – heute einzigartig

Das 1903 in Betrieb genommene Gaswerk in Neustadt (Dosse) ist die einzige original erhaltene derartige Anlage in Mitteleuropa. Zum Teil vergleichbare Anlagen finden sich nur im nordirischen Carrickfergus, im polnischen Paczków und in Athen. Doch in Neustadt riecht die erst 1980 stillgelegte und authentisch erhaltene Anlage auch noch unverändert nach Gas.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war ein Gaswerk sehr typisch für die großen und kleinen Städte des Kontinents. Denn mit dem Gas gelang es, ein helles und relativ preiswertes Licht für Amtsgebäude und Straßen, Wohnhäuser und Gewerbebauten zu produzieren, weshalb es auch als „Leuchtgas“ bezeichnet wurden. In Neustadt war die benachbarten Gestüte Friedrich-Wilhelm und Landgestüt Lindenau (heute Brandenburgische Haupt- und Landgestüt) nach einigen Jahren ein wichtiger Kunde. Strom setzte sich dafür erst später durch. Der Gasbedarf aber stieg weiter steil an, weil damit nun auch gekocht wurde. Begehrte Nebenprodukte der Gasgewinnung waren Koks zum Heizen und für die Eisenverarbeitung sowie für die Chemische Industrie Teer, Benzol, Naphtalin, Ammoniak und Schwefel.

Die Konzession für das Gaswerk in Neustadt wurde am 11. November 1902 erteilt. Die Berlin-Anhaltische Maschinenbau Aktiengesellschaft (BAMAG) baute vor dem Havelberger Tor die kleine Anlage. Am 12. Mai 1903 wurde sie eingeweiht. Zum Werk gehören außer dem Ofenhaus mit Anbauten der Glockengasbehälter im stählernen Führungsgerüst und – links von der Einfahrt – das als Wohnung dienende Gasmeisterhaus, in dem auch das erste Büro untergebracht war. Auch Arbeitskämpfe erlebte das Gaswerk. So schlossen sich Mitarbeiter des Gaswerks dem Streik der Arbeiter der örtlichen Landmaschinenfirma Tübbicke und Krause vom 17. bis 20. März 1920 an. Sie erreichten, dass im Gaswerk Toiletten und Bademöglichkeiten eingerichtet wurden, wofür ein heute noch bestehender Anbau neben dem Eingang zum Ofenhaus aus gelben Ziegeln errichtet wurde.

1929 erhielt die Firma Rieger und Companion den Zuschlag für den Neubau des zweiten Ofens. Nun hatte das Gaswerk zwei Öfen mit je vier Retorten und erzeugte 1930 etwa 140.000 Kubikmeter Steinkohlengas. Im Winter 1947/48 wurde der zweite Ofen von der Firma Gawino-Ofenbau aus Eisenberg in Thüringen erneuert. Und von 1960 bis etwa 1962 wurden beide Öfen auf je sechs Retorten erweitert, so die Leistungsfähigkeit etwa verdoppelt. Auch der Gasbehälter wurde 1960 von einem Inhalt von 350 auf 550 Kubikmeter vergrößert, außerdem wenige andere Bauteile erneuert.

Auch das Verwaltungsgebäude war 1960 neu gebaut worden. Später zweimal erweitert diente es auch als Werkstatt, Lager und für Sozialräume. Insgesamt hatte das Werk damals zehn Beschäftigte; seit 1966 gab es auch einen Lehrling. Schließlich waren es sogar 13 Mitarbeiter: Außer dem Meister gab es sechs Gaswerksfacharbeiter, ein Lehrling, eine Sekretärin und eine Raumpflegerin. Außerdem waren die drei Monteure für das Gasnetz der Stadt im Gaswerk beschäftigt. Pro Jahr wurden etwa 380.000 Kubikmeter Gas erzeugt. Doch mit dem Aufbau eines DDR-weiten Gasverbundnetzes verlor das Werk in Neustadt seine Bedeutung. Zuletzt wurde es vor allem noch für die Koksgewinnung in Betrieb gehalten und dann nach dem Anschluss an die Ferngasleitung Ketzin–Pritzwalk 1980 stillgelegt.

Seitdem blieb das Werk, schon 1978 unter Denkmalschutz gestellt, fast unverändert stehen. 1999 gründete sich dann ein Förderverein, um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seit dem Jahr 2000 sind Besuche möglich. Anfallende Aufgaben übernimmt seitdem der Verein. Mit Unterstützungen von Spenden und Fördergeldern gelang ihm unter anderem der Wiedereinbau alter Fenster, die notwendige Teilerneuerung des Gasbehälters und die Dachsanierung des Ofenhauses. Außerdem wurde der Kohlebunker im Ofenhaus umgebaut, um dort die Ausstellung „Gaswerke einst und heute im Land Brandenburg“ zeigen zu können.

Gezielt gesammelt werden nicht nur Objekte zur Geschichte des Gaswerkes, sondern auch Exponate rund um die Gasnutzung, von der Gaslaterne bis zur direkt beheizbaren Badewanne. Sie sind im Verwaltungsgebäude zu sehen, ebenso wie eine Ausstellung zur Geschichte des Neustädter Stadtteils Spiegelberg mit Miniaturen, Originalexponaten und einem Diorama von der einst bedeutenden Spiegelmanufaktur, die dort von 1689 bis 1840 betrieben wurde. Die Spiegel wurden zum Teil im benachbarten Hohenofen in an der Dosse stehenden Poliermühlen bearbeitet.

Das mit Abstand wichtigste Exponat aber ist das Gaswerk selbst. Täglich konnten hier bis zu 1.100 Kubikmetern Gas erzeugt werden. Dafür mussten ein bis zwei Mann (und der Gasmeister) jeweils zwölf Stunden am Tag arbeiten, den Betrieb steuern und vor allem Kohle schippen, weil die Öfen bis zum Schluss manuell beschickt wurden. Bis zu 25 Zentner Steinkohle pro Tag wurden per Fuhrwerk und später per Lkw vom Bahnhof angeliefert und im Gaswerk verarbeitet. Der Umgang mit dem erzeugten Gas war zudem problematisch. So entwich am 6. Juli 1961 bei Arbeiten an einem Schieber des Gaswerkes der giftige Brennstoff: Der Arbeiter Herrmann Drescher sowie der Gasmeister Friedrich Ruh fanden dabei den Tod.

In dem zweigeschossigen, aus Ziegeln errichteten Hauptbau mit zwei eingeschossigen Seitenschiffen sind alle wesentlichen Teile des Werkes untergebracht. Dazu gehören der Kohlenlagerschuppen auf der Westseite, das Apparatehaus mit der Gasreinigung auf der Ostseite sowie im zentralen Ofenhaus die beiden Öfen mit je sechs Retorten und Wasserröhrenkühler, Flügelradsauger mit Transmissionsantrieb, Glockenteerabscheider, Ammoniakwäscher und zwei Stationsgaszählern. Die horizontal gelagerten Retorten waren einst sehr typisch für kleinere Gaswerke, in größeren Anlagen aber schon lange veraltet. In den gemauerten Aggregaten sitzt jeweils unten der Generator zum Beheizen der Retorten und der Wärmetauscher zum Vorwärmen von Verbrennungsluft, oben sind die Retorten eingebaut. Das dem Generator zugeführte Gas wird mithilfe der Primärluft und Wasserdampf verfeuert. Damit werden die Retorten beheizt, wo die unter Luftabschluss liegende Kohle in mehreren Stunden ausgast und so Koks entsteht. Das Rohgas wird gereinigt, also die Nebenprodukte entfernt, bevor es in dem Glockengasbehälter mit stählernem Führungsgerüst zwischengespeichert wurde. Etwa 20 Prozent des Gases werden für den eigenen Betrieb benötigt.

Text: Sven Bardua

Link: www.gaswerk-neustadt.de