Tankstelle, 6, Pritzwalker Straße

Tränke des Autoverkehrs

Tankstellen sind auch Symbole der Mobilität: Im Gegensatz zu den Straßen ließen sie sich als „Tränken des Autoverkehrs“ zudem gestalterisch aufladen. Ein ausdrucksstarkes Exemplar steht prominent neben der Stärkefabrik in Kyritz an der Pritzwalker Straße. Die ehemalige Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft war als Ausfallstraße Richtung Norden lange Zeit eine wichtige Verbindung. Bis zur Übergabe der östlichen Umgehungsstraße 1976 quälte sich noch der Verkehr auf den Fernverkehrsstraßen 5 und 103 daran vorbei. Das helle Äußere, die abgerundeten Ecken und das elegant auskragende Dach mit abgestuften Seiten weisen auf ein Baujahr um 1930 hin. Der untere Teil des Tankhauses war ursprünglich bis zur Oberkante der Fenster mit sichtbaren Ziegeln abgesetzt, die klassisch modern gestaltete Fensterfront, ebenfalls mit abgerundeten Ecken, deutlich größer. Zuletzt war in der längst stillgelegten Tankstelle ein Schuster ansässig, seitdem verfällt der Bau.

Mineralölgesellschaften versahen die optisch nichtssagenden Kraftstoffe seit den 1920er Jahren mit unverwechselbaren Marken. Die Architektur spielte dabei eine entscheidende Rolle. Denn ursprünglich kauften Autofahrer ihre Kraft- und Schmierstoffe in Apotheken und an Bürgersteigpumpen, die von einer Krämerei, einer Werkstatt oder einer Gastwirtschaft betrieben wurden. Als „Tankstelle“ bezeichnete die Olex (später BP) dann 1922 einen neuen Bautypus mit Tankhaus, Tankinsel und Schutzdach. Ähnliche Konzepte für derartige „Tankstationen“ entwickelten auch die anderen Mineralölgesellschaften. „Großtankstellen“ verkauften außer Kraftstoff auch Zubehör und Erfrischungen, betrieben Wagenpflege und Werkstätten. Ein großzügiges Dach, also ein Wetterschutz für das Personal und die aussteigenden Fahrer, sind in Deutschland seitdem fast immer obligatorisch. Eine sorgfältige Architektur und ein deutlich sichtbarer Firmenname gehören ebenfalls zum Programm.

Text: Sven Bardua